Lernpsychologische Perspektive
Peter Franzkowiak 2
1 Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
2 Fachbereich Sozialwissenschaften, Hochschule Koblenz, Koblenz, Deutschland
Zusammenfassung
Lernen als erfahrungsbasierter Erwerb von Wissen und Fertigkeiten ist ein Kernkonzept der Psychologie und eine zentrale Grundlage gelingender Interaktion von Menschen mit ihrer Umwelt. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Lernformen eingeführt und lernpsychologisch fundierte Techniken der Verhaltensveränderung (Behavior Change Techniques) exemplarisch beschrieben. Abschließend werden die Lerntheorien in aktuelle Public-Health-Entwicklungen eingeordnet und Forschungsdesiderate beschrieben.
Schlüsselwörter
Lernen, Lernformen, Verhalten, Handeln, Techniken der Verhaltensveränderung (Behaviour Change Techniques)Einführung
Lernen kann als Erwerb von Wissen und Fertigkeiten definiert werden [1]. Das Wort „kann“ soll andeuten, dass – wie in der Wissenschaft die Regel – auch für das Konzept „Lernen“ keine einheitliche Definition existiert. Etymologisch geht der Begriff auf das Gotische „lais = »ich weiß«, eigentlich »ich bin wissend geworden, habe erfahren, habe nachgespürt«“ zurück [2]. Als weiterer Bezug wird das indogermanische „*leis- »am Boden gezogene Spur, Furche«“ [3] genannt, sodass als Ausgangsbedeutung „auf der Spur des Wildes sein, sie beobachten und erkennen“ [3] möglich ist.
Wie immer man sich dem Begriff nähert: „Lernen“ verweist als Konstrukt auf Prozesse, im Rahmen derer Menschen auf Erfahrung beruhende psychische Potenziale entwickeln. Diese Potenziale ermöglichen Handlungen und Verhaltensweisen – und damit die Interaktion mit der jeweils präsenten Umwelt.
Vor diesem Hintergrund ist das Phänomen „Lernen“ für Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung vor allem deshalb bedeutsam, weil Lernprozesse auf die wichtigsten Risikofaktoren für vorzeitige Mortalität direkt oder indirekt Einfluss nehmen. So waren 2019 global 10,8 Millionen (19,2 %) aller Todesfälle auf systolischen Bluthochdruck, 8,7 Millionen (15,4 %) auf Tabakkonsum und 7,9 Millionen (14,1 %) auf ernährungsbezogene Risikofaktoren zurückzuführen [4]. Mithin ist davon auszugehen, dass derzeit die „Top 3“ der weltweiten Todesursachen entweder verhaltensmitbedingt sind oder selbst Verhaltensweisen darstellen (sog. Level-4-Risikofaktoren, die in der Nachfolgepublikation der Global Burden of Disease Study in dieser Auflösung nicht prominent dargestellt worden sind [5], siehe auch [6] (Risikofaktoren und Risikofaktorenmodell).
Definition und Klassifikation
Wenn durch den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten auf Erfahrung beruhende, vergleichsweise dauerhafte Verhaltenspotenziale aufgebaut werden, spricht man in der Psychologie von „Lernen“. In dieser Definition werden häufig entsprechende Veränderungen im Verhalten selbst inkludiert. Dieser Konzeption von Verhaltensveränderung als Lernprozess nicht zu folgen, hat jedoch Vorteile, auch wenn die Rede von „erlerntem Verhalten“ alltagssprachlich verständlich ist und die historisch enge Bindung einiger psychologischer Lerntheorien zum Behaviorismus widerspiegelt. Dadurch wird berücksichtigt, dass Lernen selbst nicht direkt beobachtbar ist, sondern vielmehr die Handlungen und Verhaltensweisen eines Menschen, die sich im Lauf der Zeit ändern und auf Prozesse des Lernens zurückgeführt werden können. Handeln und Verhalten stellen in diesem Sinne also Ergebnisse (nicht Teile) von Lernprozessen dar. Dabei ist die Beziehung reziprok: Nicht nur fördert (oder verhindert) Lernen Verhalten, regelmäßige Ausführung von Verhalten kann auch Lernprozesse fördern („Übung macht den Meister“ bzw. „practice makes perfect“).
Grundsätzlich können fünf Formen des Lernens unterschieden werden, denen historisch auch verschiedene wissenschaftliche Modellvorstellungen zugrunde liegen. Tabelle 1 gibt einen Überblick über diese Lernformen.
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Name |
Prinzip |
Zentrale Konzepte
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Klassische Konditionierung |
Reiz-Reaktions-Lernen, Kontingenzlernen, „respondentes Modell“ |
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Operante Konditionierung |
Lernen durch Konsequenzen, Lernen am Erfolg, „operantes Modell“ |
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Beobachtungslernen |
Lernen am Modell |
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Lernen durch Einsicht |
Erwerb von Wissen und Begriffen |
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Lernen durch Selbstregulation |
Selbstmanagement, Erwerb von Problemlösekompetenzen |
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Tab. 1: Fünf Formen des Lernens aus psychologischer Sicht im Überblick (eigene Darstellung)
Zuweilen werden noch Habituation (Gewöhnung: Abschwächung einer Reaktion bei längerer oder wiederholter Darbietung eines auslösenden Reizes) und Dishabituation sowie Sensitivierung (Verstärkung einer Reaktion bei längerer oder wiederholter Darbietung eines Reizes) als nicht-assoziative Lernformen beschrieben [7].
Die in Tabelle 1 dargestellten Lernformen spielen in der Klinischen Psychologie für die kognitive Verhaltenstherapie eine grundlegende Rolle, einem psychotherapeutischen Verfahren also, das an der Veränderung pathogener Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Verarbeitungsmuster ansetzt, welche unerwünschte Verhaltensweisen fördern [1]. Ein Kernelement der kognitiven Verhaltenstherapie ist das sogenannte SORCK-Modell. Es bildet die Komponenten Stimuli, Organismus, Reaktionen, Konsequenzen (Consequences) und Kontingenzen ab und ermöglicht mithin die systematische Analyse von Verhaltensweisen und den dazu beitragenden Lernprozessen (s. [8] zu Grundlagen der Verhaltenstherapie).
Für die Leitbegriffe der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung, für die therapeutische Verfahren weniger zentral sind, ist von besonderem Belang, dass nicht nur psychopathologisches Verhalten, sondern auch „normale“, „nur“ ungesunde Verhaltensweisen Lernprozessen unterliegen. Denn die Prinzipien, die den verschiedenen oben genannten Lernformen unterliegen, gelten aus Sicht der Allgemeinen Psychologie universell. Dementsprechend sollten lernpsychologisch begründete Interventionen der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung auch dem Grundverständnis der wissenschaftlichen Psychologie folgen, deren Ziele das Beschreiben, Erklären, Vorhersagen und Modifizieren von (gesundheitsrelevanten) Verhaltens- und Handlungsweisen durch die Suche nach Gesetzmäßigkeiten mittels Theoriebildung, Operationalisierung und empirischer Überprüfung sind [9], [10]. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, das nicht nur grundsätzliche Lernfähigkeit unterstellt, sondern seine potenzielle (Selbst‑)Reflexivität, Intentionalität und Handlungsfähigkeit betont. Es geht damit über klassisch-behavioristische Vorstellungen hinaus, die von weitgehender Außensteuerung des Menschen im Sinne der assoziativen Lernformen des klassischen und operanten Konditionierens ausgehen [8], [11].
Ob dies zwingend die Konzeption „Man-the-Scientist“ impliziert, also dass Menschen Ereignisse ihres Lebens aktiv gestalten, vorhersagen und kontrollieren wollen (und teilweise auch können) [12], [13], sei hier offengelassen. In jedem Fall sollte jedoch das Argument der Selbstanwendbarkeit auch von Lerntheorien – also ihre prinzipielle Gültigkeit auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – aus wert- und zweckrationalen Gründen handlungsleitend sein [14], [15].
Anwendung: Verhaltensveränderungstechniken
Zunächst ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass (nicht nur) psychologische Theorien häufig lediglich beschreiben, was geändert werden sollte, und nicht, wie dies geschehen kann. Eine systematische Zuordnung sog. Behavior Change Techniques (BCTs) [16] zu handlungs- und verhaltensfördernden Faktoren und Mechanismen (und damit auch Lernprozessen) wird seit den 2010er-Jahren von der Arbeitsgruppe um die britische Psychologin Susan Michie vorangetrieben [17], [18], [19], [20], [21] (Erklärungs- und Veränderungsmodelle 2: Theoriebasierte Interventionsplanung). Neben dem Argument der Evidenzbasierung steckt dahinter auch die Überzeugung, dass die Beschreibung von Interventionen, die sich auf das Handeln und Verhalten von Menschen beziehen, ähnlich vereinheitlichte Begriffe verwenden sollte wie in der somatomedizinischen Forschung (z. B. in Medikamentenstudien), damit ihre Nachvollziehbarkeit und Übertragbarkeit gefördert werden.
Damit liegt eine umfassende Taxonomie von Verhaltensänderungstechniken vor. Sie ist zur Planung, Beschreibung, Bewertung und zum Vergleich verhaltensbasierter Interventionen geeignet. Insgesamt 93 Techniken wurden identifiziert und in 16 Oberkategorien geclustert. Die BCT Taxonomy [16] ist inzwischen auch als Handy-App verfügbar [22]. Tabelle 2 listet exemplarisch 27 BCTs auf, die besonders enge Bezüge zu den hier beschriebenen Lernformen haben. Diese Techniken sind vielfach erprobt und werden seit Jahrzehnten in Gebieten wie der Verhaltensmedizin [23], Gesundheitsverhaltensforschung [24] und Gesundheitspsychologie [25] als Einzelmethoden und kombiniert im Rahmen multimodaler Ansätze angewandt.
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Kategorie (Cluster) |
BCT |
Definition |
Beispiele |
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Ziele und Planung |
Verhaltensziele setzen |
Setzen bzw. Vereinbarung eines Ziels oder mehrerer Ziele im Sinne der Verhaltensweise(n), die erreicht werden soll(en) |
Mehr regelmäßige körperliche Bewegung; verbesserte Händehygiene |
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Handlungsplanung |
Erarbeitung eines detaillierten Planes, wie das Verhaltensziel umgesetzt werden soll, einschließlich mindestens eines der folgenden Parameter: Kontext, Häufigkeit, Dauer und/oder Intensität (sog. „Implementationsintentionen“) |
Drei Mal in der Woche morgens vor der Arbeit entweder allein oder mit Partner bzw. Partnerin so joggen, dass man ins Schwitzen kommt; Desinfektion der Hände in 80 % der Fälle, in denen Desinfektion indiziert ist |
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Verhaltensverträge |
Schriftliche Spezifikation (mit Zeugen) der bzw. des Verhaltensziele/s |
Verschriftlichung der oben genannten Ziele und Pläne |
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Feedback und Monitoring |
Rückmeldung (Feedback) zum Verhalten |
Verhaltensbeobachtung und informative und/oder evaluative Feedbacks zur Verhaltensausführung |
Feedback zum Verhalten auf Basis von Verhaltensmessungen (z. B. Pedometer, Food-Frequency-Fragebogen, Compliance-Beobachtungen im Krankenhaus) |
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Selbstbeobachtung des Verhaltens |
Etablierung von Methoden zur Selbstbeobachtung und -messung des Verhaltens |
Verhaltenstagebücher; Pedometer |
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Biofeedback |
Informatives und/oder evaluatives Feedback zu körperlichen Effekten auf Basis medizinischer Messinstrumente |
24-Stunden-Blutdruckmessung |
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Soziale Unterstützung |
Praktische soziale Unterstützung |
Beratung zu und Etablierung von praktischer sozialer Unterstützung zur Verhaltensausführung |
Erinnerungsanrufe durch Freunde; Recall-Systeme in Zahnarztpraxen |
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Wissensvermittlung |
Anleitung zur Ausführung des Verhaltens |
Beratung und Vereinbarung zur Verhaltensausführung (einschließlich Training von Fertigkeiten) |
Korrekte Verwendung von Kondomen am Modell; Verwendung technischer Devices zur Blutzuckerkontrolle; blutdruckgerechte körperliche Bewegung |
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Verhaltensexperimente |
Beratung zur und Durchführung von Tests zur Überprüfung von verhaltensbezogenen Hypothesen mittels Daten |
Fluoreszenztest mit UV-Schwarzlicht zur Überprüfung (in-)korrekter Händedesinfektionstechniken |
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Verhaltensfolgen |
Information zu gesundheitlichen Konsequenzen |
Informationsvermittlung zu den gesundheitlichen Konsequenzen des Verhaltens (Compliance vs. Non-Compliance) |
Beratung zu erhöhten Infektionsrisiken durch vorzeitige Beendigung antibiotischer Therapien; präventive Effekte von Safer Sex; Risikorechner |
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Vorweggenommenes Bedauern |
Induktion und Förderung von Bewusstsein bezüglich zukünftigen Bedauerns bei Beibehaltung ungesunden Verhaltens |
Hinweis auf mögliche Reue aufgrund von Einschränkungen im höheren Alter durch kardiovaskulär-metabolische Risikoverhaltensweisen |
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Verhaltensvergleiche |
Verhalten demonstrieren |
Bereitstellung einer beobachtbaren Instanz des Zielverhaltens (Modelllernen) |
Schulungsvideos; Fernsehspots |
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Information zur Anerkennung anderer |
Information zur Bewertung des Verhaltens durch andere |
Erfassung und Kommunikation (fehlender) Anerkennung durch Vorgesetzte |
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Assoziationen |
Prompts / Hinweisreize |
Umweltbezogene oder soziale Reize, die das Verhalten zum Zeitpunkt oder am Ort der Ausführung anregen bzw. seine Ausführung signalisieren |
Aufkleber am Badezimmerspiegel, um daran zu erinnern, sich die Zähne zu putzen |
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Exposition |
Systematische Konfrontation mit angstauslösendem Stimulus zur Verringerung zukünftiger Reaktionen |
Habituationstraining; systematische Desensibilisierung |
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Wiederholung und Substitution |
Verhaltenstraining und Verhaltensproben |
Wiederholte Übung der Ausführung von Verhalten in geschütztem Rahmen, in dem das Verhalten nicht notwendig ist |
Selbstsicherheitstrainings; Soft Skills-Kurse; Schulungen von Patientinnen und Patienten |
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Generalisierung des Zielverhaltens |
Ausführung des Zielverhaltens in neuen Situationen |
Rauchverzicht nicht nur in Privatwohnung, sondern auch im Büro; Händedesinfektion auch vor Patientenkontakt (nicht nur danach) |
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Abgestufte Aufgaben |
Definition von Aufgaben in aufsteigender Schwierigkeit |
Steigerung der zu Fuß oder per Fahrrad zurückgelegten Strecke pro Tag |
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Ergebnisse vergleichen |
Vertrauenswürdige Quelle |
Mündliche oder visuelle Äußerungen, die für oder gegen das Verhalten sprechen, von einer glaubwürdigen Quelle |
Vortrag einer angesehenen Fachperson oder prominenten Persönlichkeit |
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Nutzen und Kosten (Vor- und Nachteile, engl.: Pros & Cons) |
Reflexion von Vor- und Nachteilen einer Verhaltensänderung |
Motivierende Gesprächsführung |
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Belohnungen bzw. Anreize und Bestrafung |
Selbstbelohnung |
Selbstbelohnung nur im Falle von Fortschritten bei Zielverhaltenserreichung |
Erwerb positiv bewerteter Güter nur bei Zielverhalten über definierte Zeit |
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Regulation |
Reduktion negativer Emotionen |
Beratung zum psychischen Wohlbefinden als verhaltensfördernd |
Entspannungsverfahren zur Vermeidung von Rauchen als Bewältigungsstrategie |
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Auslösebedingungen |
Restrukturierung der physischen Umwelt |
Veränderung der physischen Umwelt, sodass das erwünschte Verhalten erleichtert wird (förderliche Rahmenbedingungen; nicht: Prompts/Hinweisreize) und das unerwünschte Verhalten erschwert wird (Barrieren) |
Vorräte von Süßigkeiten zu Hause begrenzen; Verfügbarkeit von Händedesinfektions-spendern an den relevanten Points-of-Care |
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Selbstidentität |
Identifikation mit der eigenen Person als Rollenmodell |
Information zur Rollenmodell-Funktion des eigenen Verhaltens |
Information zur Vorbildfunktion des eigenen Essverhaltens für die eigenen Kinder |
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Inkompatible Überzeugungen |
Diskrepanzen zwischen Verhalten und Selbstkonzept fokussieren, um hierdurch Änderungsbedürfnis zu erzeugen |
Vergleich von beobachteter Händehygiene-Compliance mit eigenem infektionspräventiven Anspruch |
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Geplante Konsequenzen |
Belohnungsapproximation |
Durch Belohnung von Reaktionen, die sich sukzessive dem Zielverhalten annähern, wird dies geformt (beinhaltet auch Shaping) |
Jede Annäherung an die angestrebte Reduktion der Kalorienzufuhr wird belohnt. |
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Selbstbild |
Frühere Erfolge fokussieren |
Reflexion und Aktivierung früherer Situationen, in denen das Verhalten erfolgreich ausgeführt wurde |
Dokumentation von Situationen, in denen (obwohl verfügbar) keine Drogen konsumiert wurden |
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Verdecktes Lernen |
Stellvertretende Erfahrung |
Beobachtung positiver und negativer Konsequenzen bei anderen Personen, die das Verhalten ausführen |
Selbsthilfegruppen; Patientenschulungen |
Tab. 2: Beispiele lernpsychologisch begründeter Verhaltensveränderungstechniken mit Anwendungsbeispielen für Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung (eigene Darstellung nach [16]; s. a. [26])
Zahlreiche Studien identifizieren gute Evidenz für den Einsatz von BCTs in unterschiedlichen Phasen, Zielgruppen und Themenfeldern bzw. Methoden von Prävention und Krankheitsprävention [27]. Für die Primär- und Sekundärprävention nicht übertragbarer Krankheiten mittels digitaler Gesundheitsanwendungen gilt dies für folgende Interventionskomponenten: „Ziele setzen“, „Handlungsplanung“, „Feedback zum Verhalten und Selbstbeobachtung des Verhaltens“, „abgestufte Aufgaben“, „glaubwürdige Quellen“, „soziale Unterstützung“ [28]. Für die Tertiärprävention/Rehabilitation von Schlaganfallpatientinnen und -patienten sind als besonders wichtige BCT-Cluster „Wiederholung und Substitution“, „Feedback und Monitoring“, „soziale Unterstützung“, „Selbstbild“ belegt worden [29]. Auch im Bereich der Adipositasprävention und -therapie werden vermehrt BCTs beschrieben, z. B. „Ziele setzen“, „Abwägung von Nutzen und Kosten“, „Selbstbeobachtung“, „Feedback zum Verhalten“, „soziale Unterstützung“, „abgestufte Aufgaben“, „inkompatible Überzeugungen“, „Verhaltenstraining und Verhaltensproben“ [30], [31], [32]. Dies hat auch in der entsprechenden interdisziplinären S3-Leitlinie der Deutschen Adipositas Gesellschaft Berücksichtigung gefunden [33].
Die Nachhaltigkeit einer Verhaltensänderung erweist sich immer beim Übergang von der strukturierten Intervention zur selbstorganisierten Aufrechterhaltung: Hierbei sind durchgängig „Zielsetzung und Planung“, „Feedback“ und „Unterstützung beim Aufbau von Gewohnheiten“ als BCTs indiziert.
Generell gilt, dass der Interventionserfolg nicht nur vom passgenauen Einsatz der BCTs abhängt, sondern auch von der Auswahl von Kombinationen, die den Verhaltensbedürfnissen und Kontextbedingungen der Zielgruppe entsprechen. Solche Interventionen integrieren häufig verschiedene Lernformen und berücksichtigen sowohl psychische als auch umweltbezogene Faktoren, etwa durch den Einbezug von Familienmitgliedern, die Inklusion oder gezielte Exklusion von Peers oder die Berücksichtigung der Verhältnisse am Arbeitsplatz. Damit wird der Verhaltensgleichung des Sozialpsychologen Kurt Lewin Rechnung getragen, der schon 1936 mit der Formel V = f(PU) (engl. B = f(PE)) beschrieben hat, dass Verhalten praktisch immer eine Funktion von Person und Umwelt ist [34].
Entsprechend werden bei krankheitspräventiven und gesundheitsfördernden Interventionen sowohl die Identifikation als auch die Planung einzelner Veränderungsschritte spezifisch für einzelne Betroffene bzw. definierte Zielgruppen entwickelt (sog. „Tailoring“, zu Deutsch: „Maßschneidern“ [35]; vgl. z. B. zur Förderung körperlicher Aktivität [36] und zur Förderung professioneller Händehygiene-Compliance [37], [38], [39]). Am Anfang steht eine Problem- und Verhaltensanalyse als differenzierte Diagnose. Sie erfasst Dispositionen, Auslöser, Personen- und Umweltfaktoren und Konsequenzen möglichst genau umschreibbarer ungesunder Verhaltensweisen sowie zugehörige Wahrnehmungs-, Einstellungs- und Handlungsstrukturen oder Pläne und Schemata einer Person oder von Personengruppen.
Neben dem SORCK-Modell und dem Tailoring-Ansatz gibt es noch weitere Modelle für solche Strukturierungen diagnostisch und interventiv bedeutsamer Informationen, so den Problemanalyse-Ansatz [40], den Plananalyse-Schema-Ansatz [41] und den Selbstmanagement-Ansatz [42]. Die Ergebnisse werden zu einem funktionalen Bedingungsmodell zusammengefügt, das die Interventionen anleitet, jedoch jederzeit überprüft und verändert werden kann. Insbesondere bei komplexen Interventionen sind sogenannte logische Modelle [43] zum Aufzeigen von möglichen Kausalbeziehungen vielversprechend.
Integrierte kognitiv-behaviorale Perspektive
Behavioristische Lerntheorien, die ausschließlich beobachtbares Verhalten von Menschen sowie seine Auslöser- oder Verstärkungsbedingungen eher linear abbilden, sind durch moderne Vorstellungen zur Komplexität, Vernetzung und Selbstregulation ergänzt bzw. abgelöst worden. Wissenschaftshistorisch werden in der Ausprägung der lerntheoretischen Perspektive in der Psychologie dementsprechend zwei Phasen bzw. „Wellen“ unterschieden: die frühere behavioristische Phase [44] und die seit den 1970er-Jahren einsetzende „kognitive Wende“ [45]. Seitdem werden übergeordnete „Lebensthemen“, Ziele und Pläne von Menschen in ihrem psychosozialen und sozio-ökonomischen Kontext betrachtet, also individuelle und systemische Bedingungen bei Veränderungen von Handeln und Verhalten integrierend berücksichtigt. Das Menschenbild geht vom Potenzial zu aktivem Denken, Fühlen und Handeln sowie von Fähigkeiten zur (selbst‑)bewussten Selbstveränderung und ‑regulation aus.
Während bis in die Mitte der 1970er-Jahre lerntheoretische Prinzipien fast ausschließlich auf die Behandlung psychischer Störungen angewandt wurden, liegt der Fokus inzwischen auch auf weiteren Schwerpunkten. Hierzu zählen die Prävention und Bewältigung chronischer Krankheiten und Gesundheitsstörungen (spätestens seit der COVID-19-Pandemie wieder inklusive der Infektionskrankheiten), die Reduktion begleitender Ängste, irrationaler Kognitionen oder depressiver Störungen, Adhärenz und Compliance, Psychoedukation, Schulungen und die Förderung von Gesundheitskompetenz / Health Literacy [46]. In jedem Fall sind tradierte Trennungen von Paradigmen und Schulen obsolet. Das mittlerweile erfolgte Zusammenwachsen der Ansätze hat dazu geführt, dass im psychologischen Mainstream von einer integrierten kognitiv-behavioralen Perspektive gesprochen wird [47]
Der integrierte Ansatz geht deutlich über die Beschreibung und Erklärung von Handeln und Verhalten im Kontext von Reizen und Verstärkern hinaus. Auch psychische Störungen werden nicht mehr primär als behaviorale Fehlanpassungen beschrieben, sondern als Ergebnis einer verzerrten Wahrnehmung der Situationswirklichkeit, fehlerhafter Schlussfolgerungen oder inadäquater Problemlösungen gedeutet. Die Selbstwahrnehmung von Menschen und die Wahrnehmung und Bewertung ihrer Beziehungen und Umwelt sind also (mit-)steuernd für alle Prozesse der Verhaltensleitung, einschließlich der Vorgänge bei Fehlleitung und Störungsentstehung. Neben emotionalen sind auch kognitive Faktoren von zentraler Bedeutung, etwa die wahrgenommene Kontrolle über Verstärker, die persönlichen Überzeugungen, kritische Situationen bewältigen zu können sowie die individuelle Interpretation von situativen oder persönlichen Einflussfaktoren.
Die kognitiv-behaviorale Perspektive ist Grundlage von verhaltenspräventiven Maßnahmen in der gesundheitlichen Aufklärung und Gesundheitserziehung [48] (Gesundheitliche Aufklärung und Gesundheitserziehung), in der Verhaltensmedizin und Gesundheitspsychologie sowie in der Patientenberatung / Patientenedukation [49]. In diesem engeren Kontext hat sie ihre Effizienz und ihre Effektivität unter Beweis gestellt, z. B. bei Rauchentwöhnungs-Trainings, Ernährungsschulungen zur Gewichtsreduktion, Herz- und Diabetes-Schulungen, in der Schmerzbewältigung, beim Erlernen von Entspannungstechniken, beim Motivationsaufbau sowie bei der Verbesserung der Compliance bzw. Adhärenz in der Therapie und Rehabilitation chronischer körperlicher und psychosomatischer Erkrankungen.
Methodisch bedeutsam und modellhaft übertragbar sind die funktionalen Bedingungsanalysen, die jeder Intervention vorausgehen müssen. Mit diesem Instrument steht auch für Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung eine Analyse- und Veränderungsmethode zur Verfügung, die die Wechselwirkung von Organismus-, Verhaltens- und Umweltbedingungen empirisch nachprüfbar abbildet. Sie ermöglicht zudem, Veränderungen präzise zu dokumentieren und zu überprüfen.
Weitergehende Perspektiven
Neuere Entwicklungen gehen in zwei Richtungen. Einerseits propagieren einige Vertreterinnen und Vertreter der Verhaltenstherapie den Übergang in eine „dritte Welle“ mit neuer Schwerpunktsetzung auf Akzeptanz, Achtsamkeit, Prozessbasierung und Arbeit an ungünstigen Beziehungsmustern, u. a. über die „Schematherapie“ mit ihrer expliziten Anknüpfung an einen neurobiologischen Kognitionsbegriff (vgl. z. B. [50], [51]). Zu beachten ist hierbei auch das neuropsychologisch fundierte Konzept des „Embodiment“, also das „körperliche Selbst“ [52], [53], [54]. Diese Perspektive fordert, psychische Prozesse ausdrücklich mit Bezug auf den Körper zu verstehen. Alle geistig-seelischen Vorgänge werden dabei als leiblich eingebettet verstanden, sie sind in den gelebten und erlebten Körper eingeschrieben, und dieser beeinflusst und steuert unter Umständen auch psychische Prozesse (vgl. das Leib-Seele-Problem in der Philosophie und Psychologie [55], [56]).
Andererseits und komplementär zu dieser quasi nach innen gerichteten Entwicklung entsteht eine Public-Health-orientierte Psychologie als Theorie und Praxis dessen, was „Menschen (individuell und gemeinsam sowie tatsächlich und potenziell) tun und erleben, um gesund und wenn vermeidbar nicht krank zu sein – und zwar als Individuen und Gesellschaften“ [57] (s. a. [58], [59]).
Inwieweit die Fortschritte in den Neurowissenschaften (inklusive Hirnforschung/Neuroimaging, Neurophysiologie und Psychobiologie; vgl. z. B. [60]) direkte Auswirkungen auf Lerntheorien und ihre interventiven Ableitungen haben werden, bleibt kritisch abzuwarten. Lernen wird in diesem Kontext als erfahrungsabhängige Veränderung des Gehirns (vor allem der kortikalen Erregbarkeit und Aktivität) verstanden, die zu Veränderungen im Verhalten oder in Verhaltensdispositionen führt. Neurophysiologisch beruhen Prozesse des Lernens und Verlernens, der Gedächtnisbildung und des Vergessens auf der grundlegenden und prinzipiell lebenslangen Neuroplastizität des Gehirns. Diese Prozesse führen zu funktionellen oder strukturellen Veränderungen einzelner synaptischer Bahnungen und Verbindungen sowie zur Veränderung von Größe, Konnektivität, Aktivierung und Effizienz kortikaler Netzwerke.
Als erste Anwendungsmöglichkeiten werden medizinische Interventionen in Klinik, Therapie und vor allem Rehabilitation von Hirnverletzungen diskutiert, etwa durch gezielte elektrische, magnetische oder pharmakologische Stimulation der Aktivitätsmuster in verschiedenen Hirnregionen. Auch eine Anwendung im Rahmen tertiärpräventiver Maßnahmen bei Demenzen und anderen lebensbegleitenden hirnorganischen Abbauprozessen ist denkbar. Wie diese Beispiele zeigen, liegen die Anwendungen neurowissenschaftlicher Forschung eher im individualmedizinischen und somatomedizinischen Bereich. Die eingangs erwähnten und weltweit führenden Todesursachen [5] werden für die lernpsychologisch fundierte Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung bedeuten, dass effektive Interventionen auf der Ebene von Individuen und sozialen Einheiten (z. B. Dyaden, Gruppen oder Gesellschaften) ansetzen müssen – nicht auf der Ebene von Organen oder Zellen.
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