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    <Identifier>zma000412</Identifier>
    <ArticleType>Buchbesprechung</ArticleType>
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      <Title language="de">Johannes Bircher &#47; Karl-H. Wehkamp: Das ungenutzte Potential der Medizin. Analyse von Gesundheit und Krankheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts</Title>
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          <Lastname>Schnell</Lastname>
          <LastnameHeading>Schnell</LastnameHeading>
          <Firstname>Martin W.</Firstname>
          <Initials>MW</Initials>
          <AcademicTitle>Prof. Dr.</AcademicTitle>
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        <Address>Private Universit&#228;t Witten&#47;Herdecke, Alfred-Herrhausen-Stra&#223;e 50, 58448 Witten, Deutschland<Affiliation>Private Universit&#228;t Witten&#47;Herdecke, Witten, Deutschland</Affiliation></Address>
        <Email>schnell&#64;uni-wh.de</Email>
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          <Corporatename>German Medical Science GMS Publishing House</Corporatename>
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        <Address>D&#252;sseldorf</Address>
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      <SubjectheadingDDB>610</SubjectheadingDDB>
      <SectionHeading language="de">Humanmedizin</SectionHeading>
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    <DateReceived>20070523</DateReceived>
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      <DatePublished>20070815</DatePublished>
      <DateRepublished>20070817</DateRepublished>
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    <Language>germ</Language>
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      <Journal>
        <ISSN>1860-3572</ISSN>
        <Volume>24</Volume>
        <Issue>3</Issue>
        <JournalTitle>GMS Zeitschrift f&#252;r Medizinische Ausbildung</JournalTitle>
        <JournalTitleAbbr>GMS Z Med Ausbild</JournalTitleAbbr>
      </Journal>
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    <ArticleNo>118</ArticleNo>
    <Correction><DateLastCorrection>20070817</DateLastCorrection>Satzzeichenkorrektur im Titel</Correction>
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  <OrigData>
    <TextBlock linked="yes" name="Bibliographische Angaben">
      <MainHeadline>Bibliographische Angaben</MainHeadline>
      <Pgraph>Johannes Bircher &#47; Karl-H. Wehkamp</Pgraph>
      <Pgraph>
        <Mark1>Das ungenutzte Potential der Medizin. Analyse von Gesundheit und Krankheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts</Mark1>
      </Pgraph>
      <Pgraph>Z&#252;rich: r&#252;ffer &#38; rub</Pgraph>
      <Pgraph>ISBN 13: 978-3-907625-31-6, 256 Seiten, &#8364; 29,80.</Pgraph>
      <Pgraph>Erscheinungstermin: 2006</Pgraph>
    </TextBlock>
    <TextBlock linked="yes" name="Rezension">
      <MainHeadline>Rezension</MainHeadline>
      <Pgraph>Die Geschichte der Medizin ist die Geschichte eines gemischten Diskurses. Hippokrates, Paracelsus, Rudolf von Virchow, Victor von Weizs&#228;cker, Christian Barnard und andere zeugen vom Ringen der Medizin um ihre Identit&#228;t. Medizin ist mal Naturphilosophie, Soziologie der Krankheiten, Naturwissenschaft, Pathologie, sprechende Medizin, Anthropologie, Zweig der Biowissenschaft und anders mehr. Neben dem Kampf um die Identit&#228;t, der zugleich ein Motor des Fortschritts in der Medizin ist, ging und geht es immer auch um eine zweite Frage von ebenso grosser Bedeutung: ist Medizin eher eine Spezial- oder Allgemeindisziplin&#63; F&#252;r was ist sie zust&#228;ndig&#63; F&#252;r den Menschen in seiner Lebenswirklichkeit oder f&#252;r defekte Organe und chemische Prozesse&#63; F&#252;r das Ganze oder einzelne Teile&#63;</Pgraph>
      <Pgraph>Die vorliegende Programmschrift geht tendenziell von der ersten M&#246;glichkeit aus. Johannes Bircher, Pharmakologe und Reformer der Medizinausbildung in der Schweiz und in den 90er Jahren auch in Deutschland, und Karl.-H. Wehkamp, Medizinsoziologe und Gesundheitswissenschaftler, versuchen, die Medizin neu zu denken. Da sie heute unter dem Druck der Technik, der Biologie, des Managements und der Finanzen stehe, k&#246;nne ihr grunds&#228;tzliches Potential nicht realisiert werden. Den zu einer Reform notwendigen Ansatzpunkt bilde, so die Verf., &#8222;ein besseres Verst&#228;ndnis von Gesundheit und Krankheit&#8220; (S. 9). </Pgraph>
      <Pgraph>Gesundheit hat ihren Sitz im gelebten Leben und ist daher wesensm&#228;ssig verborgen, wie Hans-Georg Gadamer sagt. Sie entzieht sich der exakten begrifflichen Fixierung. Im Sinne einer positiven Unbestimmtheit zeigt sich Gesundheit indirekt in einem Potentialis an Zukunftsf&#228;higkeit, der gleichermassen nat&#252;rlich gegeben und kulturell produziert ist. Die Potentialit&#228;t hat ihren Sinn darin, den Anspr&#252;chen des endlichen Lebens, das in Kultur und Gesellschaft stattfindet, zu begegnen und dadaurch das Leben zu gestalten.</Pgraph>
      <Pgraph>&#8222;Gesundheit ist ein dynamischer Zustand von Wohlbefinden, bestehend aus einem biopsychosozialen Potential, das gen&#252;gt, um die alters- und kulturspezifischen Anspr&#252;che des Lebens in Eigenverantwortung zu befriedigen. Krankheit ist der Zustand, bei dem das Potential diesen Anspr&#252;chen nicht gen&#252;gt.&#8220; (S. 53)</Pgraph>
      <Pgraph>Diese Definition ist insofern kritisch, da sie die Eigenverantwortung des Menschen und B&#252;rgers st&#228;rkt und zugleich die Verf&#252;gungsgewalt der &#196;rzte &#252;ber das Leben begrenzt. Gleichwohl haben &#196;rzte die sozialethische Aufgabe zu pr&#252;fen, ob ihre Patienten die F&#228;higkeit zur Aus&#252;bung von Verantwortung besitzen (vgl. S. 68f). Andernfalls w&#252;rde sich das Meikirch-Modell, wie die Verf. ihr Konzept nach dem Ort seiner Enstehung in der Schweiz benennen, in eine fatale N&#228;he zu neokonservativen Visionen des Patienten als eines blossen Kunden r&#252;cken.</Pgraph>
      <Pgraph>Von Niklas Luhmann stammt die These, dass &#196;rzte nur mit Krankheit etwas anfangen k&#246;nnen, Gesundheit sei gar kein medizinischer Begriff. Die Verf. machen sich diese Einsicht positiv zu nutze. Sie locken die Medizin auf das Terrain der Gesundheit, wo sie nicht heimisch ist und starten von dort aus ihr Umdenken der Medizin. Die Reform verl&#228;uft in einer Parallele von  Individual- und Sozialmedizin.</Pgraph>
      <Pgraph>Im Mittelpunkt der Individualmedizin stehen die Person des individuellen Patienten, der Arzt, die Pflege und das Behandlungsteam. Die Verf. entfalten das Universum einer Ethik der Arzt&#47;Patient-Beziehung als einer Verantwortungspartnerschaft, die die Technologie und das Gesundheitssystem in ihren Dienst nimmt. Im Mittelpunkt der Sozialmedizin steht die Gesellschaft und eine Gesundheitspolitik auf der Grundlage von Epidemiologie und Evidence-based-medicine.</Pgraph>
      <Pgraph>Der Zusammenhang beider Teile ger&#228;t etwas unvermittelt. Die Eigenverantwortung des Individuums wird durch eine gesundheitspolitisch entsprechend implementierte Versorgungsstruktur der Gesellschaft gest&#252;tzt. Der Umkehrschluss, nach dem auch das Indivuduum in seine Verantwortlichkeit die Gesellschaft einbeziehe, ist weniger &#252;berzeugend. Die in der Gesundheits&#246;konomie diskutierte Rationalit&#228;tenfalle besagt ja, dass das, was f&#252;r mich rational zu sein scheint, der Gesellschaft schadet. Appelle an den sog. Einzelnen helfen bei der Sanierung des Ganzen folglich eher wenig. Die Verf. schlagen vor, den Begriff der Solidarit&#228;t im Rahmen der Gesundheitsversorgung neu zu diskutieren und die medizinische Forschung so auszurichten, dass individuelle und gesellschaftliche Perspektiven von Gesundheit und Krankheit stets zugleich ber&#252;cksichtigt werden.</Pgraph>
      <Pgraph>Das Potential der Medizin kann insgesamt nur genutzt werden, wenn ein Integration von Patientenversorgung, Forschung und Gesundheitspolitik geschieht. Blo&#223;e Verhinderung des Auseinanderfallens reicht nicht, obwohl sie schon eine Errungensch&#228;ft w&#228;re, da in der privatisierten Gesundsheitsversorgung das Interresse an Forschung eher gering ist. Medizin ist als System der Gesellschaft zu begreifen: mit Identit&#228;t und Differenz&#33; In der medizinischen Ausbildung sollen, so die Verf., Pers&#246;nlichkeitsentwicklung, Problemorientiertes Lernen, Kommunikationsf&#228;higkeit, Wissenschaftstheorie und ethische Reflexion leitend sein. Der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Normalit&#228;t und Macht innerhalb des Gesundheitsdiskurses wird indes zu wenig Gewicht verliehen. Es ist allerdings auch noch von niemandem wirklich gekl&#228;rt worden, wie die dem Menschen geltende Behandlung und die Analyse von Macht der Medizin zusammen thematisiert und gelehrt werden k&#246;nnten <TextLink reference="1"></TextLink>.</Pgraph>
      <Pgraph>Das Meikirch-Modell von Bircher und Wehkamp konzentriert Reformbestrebungen der Medizin und treibt sie weiter voran. Reformbestrebungen, die aus der Medizin selbst erwachsen. Das zeugt davon, dass die Medizin immer noch ein gemischter Diskurs ist und keine reine Naturwissenschaft oder blosse Spezialdisziplin (siehe Abbildung 1 <ImgLink imgNo="1" imgType="figure"/>).</Pgraph>
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      <Reference refNo="1">
        <RefAuthor>Schnell MW</RefAuthor>
        <RefTitle>Die Unfasslichkeit der Gesundheit</RefTitle>
        <RefYear>2006</RefYear>
        <RefJournal>Pflege &#38; Gesundheit</RefJournal>
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        <RefTotal>Schnell MW. Die Unfasslichkeit der Gesundheit. Pflege &#38; Gesundheit. 2006;4.</RefTotal>
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