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    <ArticleType>Buchbesprechung</ArticleType>
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      <Title language="de">Klaus D&#246;rner: Leben und sterben, wo ich hingeh&#246;re. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem</Title>
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          <Lastname>Rimpau</Lastname>
          <LastnameHeading>Rimpau</LastnameHeading>
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          <AcademicTitle>Prof. Dr. med.</AcademicTitle>
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        <Address>Park-Klinik Wei&#223;ensee, Abteilung Neurologie, Sch&#246;nstra&#223;e 30, 13086 Berlin, Deutschland, Tel.: 030&#47;96-283700, Fax: 030&#47;96-283705<Affiliation>Park-Klinik Wei&#223;ensee, Abteilung Neurologie, Berlin, Deutschland</Affiliation></Address>
        <Email>rimpau&#64;park-klinik.com</Email>
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          <Corporatename>German Medical Science GMS Publishing House</Corporatename>
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        <Address>D&#252;sseldorf</Address>
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      <SubjectheadingDDB>610</SubjectheadingDDB>
      <SectionHeading language="de">Humanmedizin</SectionHeading>
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    <DateReceived>20070411</DateReceived>
    <DatePublishedList>
      <DatePublished>20070815</DatePublished>
      <DateRepublished>20070817</DateRepublished>
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    <Language>germ</Language>
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      <Journal>
        <ISSN>1860-3572</ISSN>
        <Volume>24</Volume>
        <Issue>3</Issue>
        <JournalTitle>GMS Zeitschrift f&#252;r Medizinische Ausbildung</JournalTitle>
        <JournalTitleAbbr>GMS Z Med Ausbild</JournalTitleAbbr>
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    <ArticleNo>120</ArticleNo>
    <Correction><DateLastCorrection>20070817</DateLastCorrection>Satzzeichenkorrektur im Titel</Correction>
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  <OrigData>
    <TextBlock linked="yes" name="Bibliographische Angaben">
      <MainHeadline>Bibliographische Angaben</MainHeadline>
      <Pgraph>Klaus D&#246;rner</Pgraph>
      <Pgraph>
        <Mark1>Leben und sterben, wo ich hingeh&#246;re. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem</Mark1>
      </Pgraph>
      <Pgraph>Neum&#252;nster: Paranus Verlag der Br&#252;cke. Edition Jakob van Hoddis</Pgraph>
      <Pgraph>ISBN 13: 978-3926200914, 240 Seiten, &#8364; 19,00</Pgraph>
      <Pgraph>Erscheinungstermin: 2007</Pgraph>
    </TextBlock>
    <TextBlock linked="yes" name="Rezension">
      <MainHeadline>Rezension</MainHeadline>
      <Pgraph>&#8222;Wie w&#228;re es, wenn man unter Ausnutzung aller bisher beschriebenen Wege allen Menschen, die leben, altern und sterben wollen, wo sie hingeh&#246;ren (und dies nicht nur mit R&#252;cksicht auf andere ablehnen), diesen Wunsch erf&#252;llen w&#252;rde, notfalls mit Hilfe rund um die Uhr in der eigenen Wohnung, wie es ohnehin viele K&#246;rperbehinderte schon erstritten haben&#63; Man k&#246;nnte das ja zun&#228;chst nur in einer Modellregion erproben. Wenn nun f&#252;r dieses scheinbar atemberaubend teure Verfahren s&#228;mtliche Kosten f&#252;r die institutionelle Hilfe und &#8211; au&#223;er einer opulenten kommunalen Beratung &#8211; fast alle anderen Administrations- und Medikationskosten wegfallen w&#252;rden, w&#252;rde das nicht au&#223;er dem Menschenrechts-, Integrations- und damit Gesundheitsgewinn der Region hinsichtlich der Kosten ein Sparpaket sein&#63;&#8220;</Pgraph>
      <Pgraph>Dieser Satz - von D&#246;rner Utopie genannt -  findet sich mitten in einer Darstellung der aktuellsten Herausforderung, vor der unsere Gesellschaft in den n&#228;chsten wenigen Jahrzehnten steht. Wir kennen unseren D&#246;rner mit provozierenden B&#252;chern wie &#8222;Der gute Arzt. Lehrbuch der &#228;rztlichen Grundhaltung&#8220; (2001) und &#8222;Die Gesundheitsfall. Woran unsere Medizin krankt. Zw&#246;lf Thesen zu ihrer Heilung&#8220; (2003). Wer allein die 285 Fu&#223;noten in diesem neuen Buch verfolgt, merkt, dass es D&#246;rner nicht um Utopie oder Provokation geht, sondern um den klaren Hinweis, wie wir mit der Alterspyramide, den Bedingungen altersgerechten Lebens und Sterbens umgehen k&#246;nnen, ja m&#252;ssen. So ist D&#246;rner seit &#252;ber ein Jahrzehnt der Wegbegleiter zahlreicher Initiativen quer durch das ganze Land, die es sich zu Aufgabe gemacht haben, neben den professionellen, oft hilflosen und unzureichenden Einrichtungen wie Krankenh&#228;user und Heimen, kommunalen und karitativen Angeboten aus b&#252;rgerschaftlichem Engagement heraus Lebensformen zu praktizieren, die der W&#252;rde des Menschen entsprechen, gleichzeitig Kosten sparen und Qualit&#228;t garantieren. Dem &#8222;Top down&#8220; ohnm&#228;chtiger Reformen und Verordnungen staatlicher Stellen sind beispielhafte Modelle entgegen zu setzen, die durch ein &#8222;Bottom up&#8220; Betroffener und sich betroffen f&#252;hlender Menschen charakterisiert ist. </Pgraph>
      <Pgraph>Nach langem Schweigen in &#8222;Menschen bei Maischberger&#8220; am 6.3.07 zum Thema &#8222;Deutschland in der Pflegefalle&#8220; antwortete D&#246;rner schlie&#223;lich auf die Frage, wer das alles leisten solle, knapp, kurz und pr&#228;zise, wie keiner in der Runde: &#8222;wir&#8220;. Dem konnte auch der sympathische Norbert Bl&#252;m nicht kontern, der sich schon einmal vertan hatte, als er von sicheren Renten sprach und jetzt die von ihm 1995 verantwortete Pflegeversicherung f&#252;r die L&#246;sung des Problems h&#228;lt. Im vorliegenden Buch pr&#228;zisiert D&#246;rner sein Credo, dass &#8222;die Lebensqualit&#228;t in einer Pflegefamilie, so grob die auch sein mag, dreimal besser als jedes heutige Alten- und Pflegeheim ist&#8220;.</Pgraph>
      <Pgraph>D&#246;rner bekennt, zu seiner Berufzeit (als Psychiater in G&#252;tersloh) &#8222;die Welt durch seine lupenreine Profibrille gesehen und B&#252;rgerengagement geradezu unvermeidlich .... f&#252;r ideologisch, sozialromantisch oder dogmatisch gehalten zu haben&#8220;. Seine &#8222;Gebrauchsanweisung&#8220; f&#252;r dieses Buch beginnt mit dem Song der Beatles 1966 &#8222;Will you still need me, will you still feed me, when I&#180;m sixty-four ...&#8220;. Nur m&#252;ssen wir jetzt, 40 Jahre sp&#228;ter, statt von 64 von 84 oder gar 94 Lebensjahren ausgehen, in denen wir gebraucht werden wollen, gef&#252;ttert werden m&#252;ssen und geborgen sterben k&#246;nnen sollten. Sein ganzes Buch durchzieht die Leitidee, die D&#246;rner von einer Initiative in Wallenhorst in Niedersachsen &#252;bernommen hat und die lautet: &#8222; ... Ist das Leben von Menschen doch immer zwischenmenschliches Leben, f&#252;r sich allein kann niemand wirklich menschlich existieren. Und so kann man mit der Kunst des Alterns die Kunst des Sterben-K&#246;nnens erlernen, erwerben. Es entwickelt sich die Bereitschaft, nicht nur ausschlie&#223;lich etwas f&#252;r sich selbst zu wollen, vielmehr aufzugehen in dem, was man f&#252;r Andere ist und war &#8211; und darin sein Selbst zu finden.&#8220;</Pgraph>
      <Pgraph>Das Hilfesystem der Moderne hatte sich 100 Jahre lang einigerma&#223;en bew&#228;hrt. Jetzt stehen wir vor  &#8222;einer menschheitsgeschichtlich v&#246;llig neuartigen Aufgabe&#8220;. &#8222;Das Heim macht sich selbst zum Auslaufmodell&#8220;. Es gilt, nicht mehr den Menschen zur Hilfe, sondern wieder die Hilfe zum Menschen zu bringen. Was folgt dem Staatsversagen, schlie&#223;lich dem Marktversagen&#63; &#8222;Die B&#252;rger beginnen mit dem Sprung in das neue Hilfesystem&#8220;....&#8222;die globale Bewegung der Deinstitutionalisierung&#8220;. Wie lange noch flie&#223;en 90&#37; der Sozialhilfekosten in die Institutionen und nur 10&#37; in die ambulante Hilfe&#63; Uns allen steht ein kultureller Umbruch und Grundhaltungs&#228;nderung bevor. Helfen ist zu aller erst einmal die Gabe von Zeit. Bisher waren der famili&#228;re Haushalt, die Nachbarschaft, die Kommune und die Kirchengemeinde die vier Sozialr&#228;ume, die zu den Verlierern der Modernisierung der Gesellschaft geh&#246;ren, indem man sie durch Institutionalisierung und Professionalisierung des Helfens zunehmend &#252;berfl&#252;ssig machte. Der Entm&#252;ndigung und  Entsolidarisierung, die damit einhergeht, setzt D&#246;rner die Sozialzeit des B&#252;rger-Helfens entgegen, die Bedeutung f&#252;r Andere weitergibt. D&#246;rner ist der Begriff des &#8222;Helfens&#8220; wichtig.  Lange Zeit als Schimpfwort benutzt, weil alles vom Staat organisierte Helfen in Institutionen  als &#8222;f&#252;rsorgliche Belagerung&#8220; verstanden war, mutierte zu &#8222;Hilfe zur Selbsthilfe&#8220; und dem abwertenden Begriff des &#8222;Helfer-Syndroms&#8220;. Jede Helfensbeziehung hat eine aktiv-asymmetrische Subjekt-Objekt-Dimension, wie auch eine passiv-asymmetrische Objekt-Subjekt-Dimension. Wird Pflege trialogisch, &#252;berwindet sie die dyadische Zweierbeziehung, die Situation wird weniger intim, daf&#252;r sozial verbindlicher. Der Wechsel vom profi- zum b&#252;rgerzentrierten Paradigma angesichts der drei gro&#223;en menschheitsgeschichtlich neuen Bev&#246;lkerungsgruppen macht auch einen anderen Umgang der &#196;rzte (&#8222;umprofessionalisierungsbed&#252;rftig&#8220;) mit den anstehenden Herausforderungen notwendig. Die sich im Kern der Akut-Medizin verpflichteten Zunft  wird sich zu einer Chronisch-Kranken-Medizin umorientieren m&#252;ssen. Der Umgang mit &#8222;Akutkrankheit, an der auch ein Mensch h&#228;ngt&#8220; wird sich wandeln, &#8222;weil die chronische Erkrankung weitgehend der Mensch selbst ist&#8220;. Neben den Alten und Dementen geh&#246;rt die zunehmend gr&#246;&#223;er werdende Gruppe der Neo-psychisch-Kranken. Noch vor vierzig Jahren galt in Europa f&#252;r etwa 5&#37; der Menschen, dass sie mit Psychopharmaka und Psychotherapie behandelt werden m&#252;ssen, jetzt sind es knapp 30&#37;. Der Markt, die (von ihm abh&#228;ngige) Wissenschaft und schlie&#223;lich das Selbstverst&#228;ndnis vieler Menschen, die jede Varianz ihres Lebens &#8222;psychisieren&#8220;, indem sie sich eine der vielen neuen Modediagnosen &#252;berst&#252;lpen (lassen) f&#252;hrt so zu diesem &#8222;Kunstprodukt&#8220; chronifizierter &#8222;Kranker&#8220;. Der Arzt, der diesen Gegebenheiten gerecht werden soll, wird &#8222;trialogisch denken&#8220;, dem &#8222;Solidarit&#228;ts-Imperativ&#8220; folgen, wird &#8222;erst platzieren, dann kurativ oder Chroniker begleiten oder palliativ t&#228;tig werde&#8220; und schlie&#223;lich die Verantwortung auch f&#252;r den dritten Sozialraum einnehmen. Die Haus&#228;rzte haben seit 1980 wieder an Bedeutung gewonnen und scheinen am ehesten den Anforderungen gewachsen. </Pgraph>
      <Pgraph>Dem Staat und der Politik f&#228;llt, wenn D&#246;rners &#8222;Beschreibung des Sprungs in das neue Hilfesystem auch nur zur H&#228;lfte stimmt, ungeahnte, auch gesetzgeberische Handlungserfordernisse zu ..... um die Kontrolle der Marktorientierung zu gew&#228;hrleisten.&#8220; Es bietet sich die &#8222;Chance endlich mit der bisher hartn&#228;ckig betriebenen (und kostentreibenden) Privilegierung der Institutionalisierung des Helfens aufzuh&#246;ren ... und stattdessen den Sprung in das neue Hilfesystem zumindest zu bahnen&#8220; und damit einen Prozess zu f&#246;rdern, &#8222;der vor siebzig Jahren (in D&#228;nemark) begonnen hat und inzwischen ein alter Hut ist ....&#8220; Schade ist, dass der Bericht der Entquete-Kommission &#8222;Zukunft des b&#252;rgerschaftlichen Engagements&#8220; 1999-2002 &#8222;zu fr&#252;h gekommen ist, denn trotz gro&#223;er Verdienst dieses Berichts taucht der dritte Sozialraum als der spezifische Raum f&#252;r &#252;berdurchschnittliches Helfen und f&#252;r die Integration gar nicht erst auf&#8220;.</Pgraph>
      <Pgraph>&#8222;Auch der letzte von uns B&#252;rgern d&#252;rfte davon &#252;berzeugt sein, dass es sich lohnt, an der Verwirklichung der b&#252;rgergetragenen neuen Kultur des Helfens mitzuwirken&#8220;, wenn </Pgraph>
      <Pgraph>
        <UnorderedList>
          <ListItem level="1">der folgenschwere Irrglaube der Moderne an der Herstellbarkeit einer leidensfreien Gesellschaft sich verfl&#252;chtigt hat; </ListItem>
          <ListItem level="1">heute kein Mensch mehr glaubt, dass wir mit dem alten Hilfesystem der Profis auskommen,</ListItem>
          <ListItem level="1">es die Fortentwicklung der medizinischen Technik es uns noch mehr erm&#246;glicht, Hilfe in die eigenen vier W&#228;nde zu bringen,</ListItem>
          <ListItem level="1">der Gesetzgeber sich endlich durchringt, die l&#228;ngst &#252;berf&#228;lligen Pflegezeiten anzuerkennen und f&#252;r Nachbarschaftshilfe Retenvorteile einr&#228;umt.</ListItem>
        </UnorderedList>
      </Pgraph>
      <Pgraph>Mit diesem Ausblick endet D&#246;rners letztes Kapitel &#8222;Sterben, wo ich hingeh&#246;re&#8220; und damit das B&#252;chlein, welches mit dem Beatles-Zitat begann und mit Montesquieu endet: &#8222;Man muss die H&#228;lfte seiner Zeit vertun, um mit der anderen etwas anfangen zu k&#246;nnen.&#8220; (siehe Abbildung 1 <ImgLink imgNo="1" imgType="figure"/>)</Pgraph>
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